Sonntag, 13. September 2015

Alpenüberquerung - Ab nach Österreich

Mit geschnürten Wanderschuhen brachen wir morgens zur zweiten Etappe auf. Über's Mädelejoch (1974 m), das zwischen Kratzer und Muttlerkopf liegt, erreichten wir schließlich die Österreichische Landesgrenze. Dieser historische Moment der Grenzüberschreitung musste natürlich sofort fotografisch festgehalten werden. Und von dort an ging es dann über einen felsigen Steig erstmal nur noch bergab.  Nachdem wir einen Fluss passiert hatten, hörten wir einen Pfiff. Orientierungslos sahen wir uns um und erblickten ... rein gar nichts. Schulterzuckend setzten wir unseren Weg fort, bis laute Rufe ertönten. Kurz darauf folgte ein ohrenbetäubender Knall. Automatisch richteten sich meine Augen gen Himmel und ich suchte nach Spuren einer Leuchtrakete. Das machen die in den Filmen ja auch immer so. Doch dort war nichts. Erst deutlich später entdeckten wir zwei Gestalten im Gebüsch, die aufgeregt in Richtung der anderen Flussseite gestikulierten. Und jetzt war klar: Das war keine "ich-brauche-Hilfe-Rakete", sondern ein Schuss. Auf der gegenüberliegenden Seite bewegte sich ein Hirsch. Getroffen war der augenscheinlich nicht. Hätte mich über die Entfernung hinweg auch gewundert. Ich bin zwar kein Jäger, und schätzen kann ich auch nicht besonders gut, aber das waren meiner Meinung nach locker 500-600 m. Kann man denn soweit wirklich zielen und auch treffen?



Unser nächstes Zwischenziel war die - laut Reiseführer - längste Hängebrücke Österreichs. Ganze 200 Meter muss man überwinden. Dabei schaut man permanent 100 Meter in die Tiefe. Auch, wenn dadurch der Nervenkitzel auf der Strecke blieb, war die Statik beeindruckend. Die Brücke schaukelte kaum. Wir machten kurz Rast und folgen dann der Beschilderung nach Holzgau (1103 m).



Dort angekommen. blickten wir uns orientierungslos um. Wo sollte es jetzt weitergehen? Schließlich fanden wir einen Aushang mit Wanderkarte. Die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten: Wir hätten uns den Abstieg sparen können und oben bleiben müssen. Wir prägten uns den Weg genau ein und spazierten wieder los. Half ja alles nichts. Die Füße wurden unterwegs mit Blasenpflastern versorgt, Lieder wurden angestimmt und Rentner überholt. Wir waren wieder on Tour. Nur leider zum wiederholten Male falsch. Mittlerweile befanden wir uns auf einem tollen Höhenweg. Aber auf der verkehrten Seite des Tals. Gut, das war nun wirklich frustrierend. Also wieder bergab.

Wir folgten der Beschilderung und kamen an einer Trinkwasserstelle vorbei. Perfekt. Die Wasservorräte gingen sowieso zuneige. Während wir unseren Durst stillten und ich mir einen Kampf mit Bremsen lieferte, den ich gnadenlos verlor, sah M. einen weiteren Weg. Vorsorglich liefen wir zurück. Nochmal würden wir sicher nicht falsch abbiegen. Ein netter, älterer und schwerhöriger Dorfbewohner war uns sofort behilflich. Da hinten müssten wir lang. Das klang doch gut. Wir marschierten los und liefen so lange, bis wir in einem ausgetrockneten Flussbett landeten und keinen Schritt mehr weiterkamen. Hier waren wir definitiv nicht richtig! Mittlerweile konnten wir die Motivation tatsächlich schon suchen. Das durfte doch wirklich nicht wahr sein.


Das Vertrauen in Wegekarten und das gesprochene Wort waren verwirkt. Stumpf folgten wir den gelben E5-Schildern, die den Weg markierten. Dabei liefen wir permanent über asphaltierte Straßen. Die Füße brannten, die Schultern schmerzten und ein Schild mit "Hier gibt's Eis" versprach Erlösung. Aber das Glück war nicht auf unserer Seite. Der Laden war zu und der Weg weiter nach Madau beschwerlich. An uns vorbei fuhren mehrere Taxis, die die Leute transportierten, mit denen wir an der Kemptner Hütte noch gefrühstückt hatten. Einen nach dem anderen brachten die Taxiunternehmen hinauf, während wir schwitzend vorwärts krochen und am Ende in einer Kurve achtlos unsere Rucksäcke fallenließen und beschlossen, Brotzeit zu machen. Bis zur Memminger Hütte wollten wir eigentlich noch kommen. Doch die Prognosen waren schlecht. Die Hütte sei absolut überfüllt und wir hatten bereits zwei Stunden und etliche Höhenmeter Umweg in den Beinen. Jetzt nochmal drei Stunden aufzusteigen erschien wirklich nicht verlockend. So verbrachten wir die Nacht in Madau (1310 m) und beschlossen, den Verzug am nächsten Tag wieder auszugleichen.


Der Hüttenwirt sammelte bei uns allerdings keinen Sympathiebonus. Doch er schien von Wanderern generell nicht allzu viel zu halten. Stattdessen zog er lautstark über seine Gäste her, machte sich lustig und konnte sich bösartige Kommentare nicht verkneifen. Er hätte einen Aufpreis für die Betten nehmen sollen, wetterte er. Schließlich seien die Kissen nagelneu. Und auch die Duschzeiten waren sehr optimistisch angepriesen: Zwei Euro für sieben Minuten warmes Wasser. Das klang fair. Zumindest so lange, bis er uns darüber aufklärte, dass das nicht stimme. Es höre sich nur besser an als drei Minuten ... Ja, das nächste Mal würden wir wohl doch eher noch drei Stunden laufen, ehe wir hier einkehren.





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