Samstag, 26. September 2015

Alpenüberquerung - Der frühe Vogel ...

Die Nacht war kurz. Um 4:45 Uhr ging es weiter. Und obwohl das wahnsinnig früh ist, ist mir das Aufstehen deutlich leichter gefallen, als unter der Woche, wenn ich zur Arbeit muss. Allerdings gab's um die Uhrzeit noch kein Frühstück. Auf die Mahlzeit konnte ich zwar getrost verzichten, nicht aber auf den Kaffee! Mit schweren Augen marschierten wir also los. Immer in Richtung Sonnenaufgang.

Wir folgten einem schmalen Pfad durch eine abwechslungsreiche Vegetation und schlängelten uns in Serpentinen anfangs noch gemächlich hinauf. An einem Wasserfall machten wir Pause, um wieder ein bisschen zu Atem zu kommen. Wir hatten uns entschieden, nicht über die Memmiger Hütte weiterzugehen, sondern den angeblich anspruchsvolleren Weg zum Württemberger Haus einzuschlagen. Konditionell forderte das durchaus seinen Tribut. Doch ein Snickers zur Stärkung macht alles wieder gut. Und schließlich lag der anstrengende Teil des Weges erst noch vor uns.

Wir marschierten weiter auf ein Geröllfeld zu. Der Puls ging schneller, die Schweißproduktion lief auf Hochtouren. Aber der Weg war landschaftlich einfach nur schön. Und die Sonne lag noch tief hinterm Berg, sodass wir wenigstens im Schatten aufsteigen konnten. Eine Weggabelung führte uns nach links weiter bergauf. Wir näherten uns einem Kessel aus steilen, felsigen Gipfeln. Hier irgendwo sollten wir das Leiterjöchl (2516 m) passieren. Während wir uns mit schweren Beinen nach oben schoben, sprintete ein Mann mit Hund regelrecht an uns vorbei. Er war zwar mindestens doppelt so alt wie wir, sprang jedoch mühelos die Felsen hinauf und war schon bald wieder außer Sichtweite. Muss ich erwähnen, dass das doch ein bisschen frustrierend war?


Dann endlich lag das Leiterjöchl vor uns. Ab hier mussten wir ein bisschen Kraxeln und verstauten deswegen auch die Stöcke. Die Steine waren teilweise lose und wir hielten vorsorglich ausreichend Abstand zum Vordermann, um kein Geröll auf den Kopf zu bekommen.

Dann bekamen wir zum zweiten Mal Gesellschaft. Diesmal allerdings aus dem Tierreich. Und zwar in Gestalt eines ziemlich beeindruckenden Steinbocks. So nah stand ich bisher noch keinem gegenüber. Statur und Geweih des Bocks wirkten aufgrund der Nähe umso imposanter. Ja, wir hatten Respekt vor unserem tierischen Freund, der sich seinerseits nicht aus der Ruhe bringen ließ. Wir hingegen ließen den Blickkontakt vorsichtshalber nicht abbrechen.


Oben angekommen gab's erstmal einen verdienten High-Five. 1200 Höhenmeter hatten wir schließlich schon zurückgelegt und jetzt lag erstmal wieder ein Abstieg zum Württemberger Haus vor uns. Das war dann auch der ideale Platz, um eine ausgiebige Mittagspause einzulegen. Endlich gab es den von mir ersehnten Kaffee. Und dazu noch ausgesprochen leckeren, selbstgemachten Kuchen mit einem riesigen Sahneberg. Wir ließen es uns schmecken und unterhielten uns mit dem Mann, der uns vorhin so sportlich überholte und nun schon stundenlang auf der Terrasse in der Sonne ausharrte.

Wir ließen uns Zeit, brachen dann aber auf, als sich über uns ein paar dunkle Wolken zusammenbrauten. Der Abstieg, der vor uns lag, war schlimmer als jeder Aufstieg. Die Knie schmerzten, das Geröll rutschte immer wieder weg und teilweise war der Weg so glitschig, das wir kaum Halt fanden. Der Himmel verdunkelte sich und schließlich zuckten die ersten Blitze über den Horizont. Wir packten vorsorglich die Regenjacke aus. Keine Sekunde zu früh, wie sich herausstellte, denn schon im nächsten Moment schüttete es wie aus Eimern. Die Regenjacke hielt zwar von außen trocken, aber man zeige mir bitte eine einzige Regenjacke, die auch wirklich atmungsaktiv ist. Im Inneren klebte das Plastik an meiner verschwitzten Haut und sorgte für tropische Klimaverhältnisse.


Doch so schnell, wie das Gewitter gekommen war, so schnell war es wieder vorbei. Bis auf diesen zwanzigminütigen Regenschauer hatte wir auf der gesamten Strecke strahlenden Sonnenschein. Und dann sahen wir endlich unser Ziel: Zams (775 m) lag vor uns. Und so gab der Weg nach jeder Kehre wieder den Blick auf die Stadt frei. Das war unfair. Angetrieben von der Hoffnung, dass die Knie bald erlöst sein würden, ließen wir Kurve für Kurve hinter uns. Aber bis wir schließlich unten waren, vergingen noch knapp zwei Stunden.

Außerdem war das eigentlich noch nicht das tatsächliche Etappenziel. Wir hatten vor, eine Unterkunft in Piller anzusteuern und verstießen so gegen den Vorsatz, Busse und Bahnen strikt zu meiden. Fast hätten wir das auch geschafft, denn es gab nur noch eine einzige Busverbindung, die in ein paar Minuten abfahren sollte. Im Laufschritt erreichten wir die Haltestelle, um bis nach Imst zu kommen. Von hier aus wurden wir dann von den netten Pensionsbetreibern abgeholt und freuten uns abends über ein Dreibettzimmer und eine eigene Dusche mit warmem Wasser.

Kommentare:

yase hat gesagt…

Es ist so beeindruckend, deine Berichte zu lesen...
Herzlichst
yase

Anna hat gesagt…

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